Froschtuempel
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Ein neues Leben 2

An diesem Tag hatte Herr B. den Hund früh selbst Gassi geführt, um später keine Überraschungen zu erleben. Er hatte ihn auf der Freifläche herumlaufen lassen und Stöckchen geworfen. Danach hatte er aufgeräumt, abgewaschen und das Leergut weggeschafft. Am Glascontainer hatte Herr B. dann seinen wöchentlichen Spaß, in dem er die Flaschen schwungvoll wie Torpedos in den Metalltank schoß und es herrlich splitterte und krachte. Danach verließ er die Blocks für seine tägliche Tour.
Als er zurückkam, fand er zuhause neben Gabi und dem Hund auch noch eine Trinkfreundin von Gabi vor, Becky. Becky war ein dürres bleiches Weibchen mit schwarzgefärbten Haaren und Mordsohrringen, gern im Trainingsanzug unterwegs und nicht besonders helle.
Zu Beckys schlechteren Eigenschaften gehörte es leider, daß sie keine Ausländer mochte, besonders wenn sie wie welche aussahen, weil sie gelesen hatte, daß die Arbeitsplätze wegnahmen. Sie nahmen sie einfach mit und verkauften sie ins Ausland. Oder so ähnlich.

Sie schickten ihre Kinder zum Betteln statt in die Schule und verkauften Drogen, hatte sie gehört. Trotzdem aß Becky gern in ausländischen Restaurants, ein Paradox, welches sie sich übrigens mit vielen ihrer engstirnigen Geisteskollegen teilte. Herr B. mochte Becky nicht besonders, sie sagte im Rausch nämlich so Dinge, die man lieber für sich behielt, etwa, daß Herr B. gar kein richtiger Mann sei, mit seiner Größe und Statur.

Beim Eintreten bekam Herr B. ein großes Hallo und einige Jauchzer, die ihre Herkunft in einer Flasche Jim Beam und einem vollen Aschenbecher auf dem Wohnzimmertisch erklärten.
„Heeeeey komm rein Knutschibär, laß dich drücken“, quietschte Gabi.
Als Herr B. seine Tasche abgestellt hatte, ließ er das mit sich geschehen, und auch das japsige Gespringe seines Haustieres.
„Na B., du Nußwurst! Kloppste ein Skat mit uns? Schluck aus der Pulle? Das macht ein richtigen Mann aus dir hahaha.“ gackerte Becky.

Herr B. fing an zu husten. Zigarettenrauch machte ihm normalerweise nicht soviel aus, aber hier stand er knüppeldick in der Bude. Er ging ins Badezimmer, um sein Asthmaspray herauszusuchen, das er für alle Fälle hatte. Weil er es nicht gleich fand, schmiß er einige von Gabis Lotion- und Schaumflaschen ins Waschbecken und beim Wühlen begannen seine Finger wieder zu zittern. „Gabi, wo ist der Spray?“, flüsterte er.
Seine Bronchien begannen zu krampfen. Jetzt warf er pauschal alles ins Becken.
„Machst'n für'n Lärm?“ erschien Gabi an der Tür. „Der Spray!“ flüsterte Herr B. wieder.
„Hier doch, Bär. Sorry.“ fingerte Gabi mit einem Griff den weißen Behälter zu Tage.
„Danke.“ Ffffft, zog Herr B. am Spray.
„Willsten Kaffee? Komm zieh doch endlich die Jacke aus.“
"Ja bitte, Gabi. Ja. Mach das Fenster auf“

Dann setzte Herr B. sich zu den Spiritusmiezen, trank seinen Kaffee und klopfte einen Skat mit ihnen auf dem Glastisch. „Hab ich euch schon die Story erzählt, wie ich beim Militär mal zwanzig Eier auf einmal verdrückt habe? Das war eine Wette…“ „Die kennen wir schon…“ „Na egal, Humor muß sein, oder. Den laß ich mir von euch nicht austreiben!“

„Muß das sein mit dem Rauchen, Becky, wie ein Stadtsoldat rauchste, wie ein Stadtsoldat. Sogar die Ärzte damals in der Klinik haben geraucht, in ihren Schlachterkitteln standen sie draußen vor der Chirurgie und haben geraucht, wie die Stadtsoldaten. Keiner hat ein Einsehen.“, knurrte Herr B. beim Austeilen. „Ach hör doch auf.“ „Du kennst mich doch, Becky“ sagte Herr B. und klopfte auf seinen Kopf. „Fünf Bohrungen und eine Metallplatte! Toi, toi. Humor muß sein.“

Die Plastekuckucksuhr hatte gerade drei Uhr gekuckuckt, als es an der Tür schellte und es Herrn B. siedendheiß wieder einfiel, daß sich seine Exfrau für einen Besuch angekündigt hatte. Wankend wie ein Steuermann im Sturm stand er auf, obschon der einzige Nüchterne der Runde. „Mist, Leute, ich hab vergessen, meine Ex kommt heut zu Besuch!“ Gabi wurde blaß „Was will die denn hier?“ Becky lachte. „Benehmt euch, wird schon nicht lange dauern.“ stammelte Herr B., während er in den Korridor schlüpfte, den Türknauf ergriff und öffnete.
Der Hund kam zur Tür gerannt und knurrte. „Still“, mahnte B. und zog ihm am Halsband.

„Hallo B.“, sagte seine Frau und in ihrer sanften Stimme schwang ein leises Bedauern mit, welches sich über die letzten Jahre eingeschlichen hatte und als Dauermieter geblieben war.
„Gut siehst du aus. Du hast immer schon so gut ausgesehen.“ Seufzte sie weiter. „Ja meine Liebe. Du kennst mich doch. Fünf Bohrungen und eine Metallplatte." Die Frau verzog schmerzlich das Gesicht. "Wer ist denn dein Freund da?“, nahm er die Hand vom Kopf. „Ja“, seufzte sie wieder und „das ist doch Paul A., dein langjähriger Arbeitskollege aus Übersee. Wir wollten dir eine Freude machen.“ „Ha, Paul, Alter, du meine Güte, kaum wiedererkannt“, sagte Herr B. verwirrt und schüttelte dem schwarzen Hünen die Hand. Etwas urtümlich Vertrautes lag in dieser Geste, in dieser großen Hand und dem nach oben schauen. Das war das alte Leben gewesen. Kompliziert war es gewesen. "Ich hab von deinem Unglück gehört", sagte Paul und B. nickte.

„Kommt doch rein in die Stube, wollt ihr einen Kaffee? Ich koch euch neuen.“
„Sag bloß nicht, du hast vergessen, daß ich komme.“ „Ja Schatz…“ horchte Herr B. in sich hinein. Es tat ihm aufrichtig leid und der Ton seine Stimme ließ seine Exfrau lächeln.
„Willst du mir nicht deine Freunde vorstellen?“ „Jaaah, hallo, daß ist Gabi, sie wohnt jetzt bei mir…“ Herr B. ließ eine bedeutungsvolle Pause. Die beiden schüttelten sich die Hände, gerade so an den Fingerspitzen und sahen sich nicht in die Augen.
„Und das ist Becky, eine Freundin von Gabi.“ „Hallöle!“ Becky stand nicht mal vom Sofa auf. Satt dessen fixierte sie Herrn B.s ehemaligen Arbeitskollegen mit schmalen Augenschlitzen. „Becky, Gabi, das sind meine Exfrau und mein alter Kumpel Paul.“
„Du hast einen Negerfreund, B.? Oh Mannomann.“ Pauls Miene, die schon von ergrauten kurzen Locken gekrönt war, verhärtete sich deutlich.
„Verschwinde mal Becky!“, versuchte B., die Situation zu retten. Der Hund bellte.

„Ich soll verschwinden, du Hanswurst? Er soll verschwinden! Die Neger nehmen uns die Arbeitsplätze weg und so!“ blubberte Becky. B.s Exfrau stand einfach geschockt im Wohnzimmer und sagte gar nichts. Gabi ging schnell in die Küche. Bei so was ging sie immer weg, sie hatte gute Instinkte in der Hinsicht. „Mach dich raus Becky.“ Herr B. sagte B. mit weitausholender theatralischer Geste und einer Stimme, die er sonst nur bei der Lockenwurst oder Schwarzfahrern gebrauchte. „Dich hab ich gefressen, B. ! Tschüss!“, fauchte Becky. „Und deeeeheer da!“, sie deutete auf Paul, wobei sich ihr Zeigefinger vor Hass durchbog, „schläft doch mit deiner Ex, siehst du das nicht?!“ „Deine Jacke, Becky!“ Herr B. gab ihr die Jacke, schob sie durch die Tür und schloß diese. Becky warf von außen ihre Faust gegen die Tür. „Ihr Ausländerschweine!“ Dann stolperte sie die Treppen hinunter.

„Entschuldigt, Paul, Schatz, ich weiß nicht was ich sagen soll, das hatte ich nicht erwartet.“
„Du hattest uns nicht erwartet, B. Was für einen Umgang du nur hast“. Die Stimme seiner Exfrau war auf Grabesniveau angekommen. „Darauf erst mal einen Schnaps, was, Paul?“
„Die kommt mir nicht mehr über die Schwelle!“, beteuerte er, als er das tief verstörte Gesicht von Paul sah. „Wir sind doch Akademiker, B.“ war alles, was Paul mit rauher, tiefer Baßstimme sagte, bevor er das angebotene Whiskeyglas nahm, aber seinem Gesicht war es anzusehen, daß seine Zuneigung zu Herrn B. gerade einen Riß bekommen hatte.
Die drei setzten sich steif und umständlich auf die Couch. Gabi traute sich aus der Küche und brachte den Kaffee mit. Sie schwankte dabei ein wenig, blickte nach unten und sagte kein Wort.
Dann ließ sie sich in den Sessel fallen.

„Deine Wohnung sieht anders aus“, stellte B.s Exfrau nach mehreren Minuten peinlicher Stille fest. „Ja, Gabi hat ein bißchen gewirkt.“, sagte Herr B. nicht ohne Stolz.
„Endlich stehen wieder mal ein paar Bücher in deinem Regal.“
Herr B. runzelte die Stirn und schaute „Tatsächlich! Nicht von mir. Das war so eine Zeitverschwendung, du kennst ja meine Meinung.“
„Warum nur. Du hast früher so gern gelesen.“

„Und, was hat es mir genützt? Du siehst doch, was aus mir geworden ist.“, sagte Herr B. und hielt mitten in der Bewegung inne, mit der er sich immer auf den Kopf klopfte.
„Mein ganzer Kopf ist explodiert mit den Büchern, die ich da rein gestopft habe. Und diese komische Wissenschaft, die da drin stand. Was hatte die wirklich mit den Menschen zu tun? Ich bin jetzt lieber den Menschen näher. Ich brauch keine Bücher mehr.“
„Ich habe dir ein paar alte Fotos mitgebracht, B.“, sagte seine Exfrau und gab ihm einen dicken Briefumschlag aus ihrer Handtasche. B. nahm ihn und fischte ein Foto heraus. Die andern nahmen ihre Tassen.

Auf dem Foto zu sehen war er, an seinem Schreibtisch in der Villa, vor einer Bücherwand. Auch er schaute von einem Buch auf fragend in die Kamera hinein. Herr B. saß lange vor diesem Bild, still und andächtig, bis Gabi sich schließlich regte. „Fotos? Mann, zeig doch mal!“
Manche Dinge und Frauen ändern sich nie, dachte Herr B. und stand auf, um eine Schallplatte aufzulegen, mit Aufnahmen aus "Tristan und Isolde".
Und dann, wieder nach einer Weile, als sie fast schon eine richtige Kaffeegesellschaft waren, sagte seine Exfrau in die Musik hinein:

„Paul wollte noch was Fachliches mit dir besprechen.“
„Also, ja, ich weiß nicht, in Anbetracht der Sache“, zögerte Paul, während B. ihn fragend ansah. Seine Augen leuchten noch immer so wie früher, dachte Paul.
„Na gut, also.“ Paul nahm Zettel und Stift heraus, und füllte den Zettel mit Symbolen, Strichen und Zahlen. „Wir haben da eine neue Schaltung…“ Dann folgten viele Fachtermini,
die Herrn B. umschwärmten wie Mücken bei der Paarung. Mit offenem Mund saß er da und fuhr die Linien andächtig mit den Fingern nach. Verzweifelt versuchte er, sich zu konzentrieren. Da war etwas, aber er konnte es nicht fassen. Das war es gewesen, das alte Leben. Symbole und Zahlen. Kompliziert war es gewesen.

„Stop, Stop, Paul", wollte er gerade sagen, als sich Gabi unvermittelt zu ihnen beugte und über die Zeichnung schaute. „Gib mir mal den Stift. Also das hier kommt mir komisch vor“, sagte sie und deutete auf eine Zahl. „das müßte so sein…“ Dann drehte sie den Zettel um und füllte die Rückseite mit ihrer Version.
Herr B. sah sie entsetzt an, seine Exfrau amüsiert und Paul argwöhnisch und mit fortlaufender Entwicklung freundlicher. Schließlich war er sogar begeistert. „Wo haben sie denn studiert?“, begann er achtungsvoll eine Konversation mit Gabi. Der Hund schlief unter dem Tisch.

„Ich glaub, die zwei brauchen uns nicht B. Komm laß uns auf den Balkon gehen.“, sagte die Exfrau.
Sie löste den fassungslosen B. aus der Couch und zog ihn auf den Balkon.
„Also deine neue Freundin scheint ja doch eine nette zu sein.“
„Also das hätte ich auch nicht erwartet. Ich hab ihr nie zugehört, wenn sie von ihrem Studium geredet hat. Ich weiß eigentlich gar nicht, was sie ….“
„Ach B."
"Du kennst mich doch, fünf...."
 "Deine Sprüche haben mir nicht
gefehlt. Ich bin fast verrückt geworden durch diese Endlosschleifen. Sei mal kurz ruhig.“
Und dann schwiegen sie eine Weile zusammen. Sonne und Wolken mischten sich ineinander und lösten sich wieder.

„Sag mal stimmt das eigentlich?“, fragte B. in die Stille hinein.
„Was?“
„Daß du mit ihm schläfst?“
„Was?“ Ihr Gesicht fror kurz ein, dann lachte sie. „Und wenn so wäre, es ginge dich nichts mehr an.“ „Nein“, sagte Herr B. langsam.

Als sie wieder in die Stube kamen, diskutierten Paul und Gabi noch angeregt miteinander. Sie hoben die Köpfe. „Ich habe von ihrem Problem gehört, B". sagte Paul. "Wenn sie entzieht und trocken bleibt, könnte ich ihr trotzdem eine Stelle verschaffen.“ „Du mußt ja Eindruck gemacht haben“, sagte B.

„Das hat sie“, sagte Paul. „Laß uns gehen“, die Exfrau beugte sich zum sitzenden Paul herunter, wobei sie sich eigentlich nicht viel bücken mußte. Etwas in dieser Bewegung ließ Herr B. stutzen und...lächeln. Dann ging sie in den Korridor und kam mit einem Mantel wieder. „Kann ich mal schnell aufs Klo?“. Paul zog sich an. „Also dann mal wieder. Wenn’s paßt.“, sagte er mit seinem Baß. „Aber das hier ist echt nichts für dich und mich.“ und deutete um sich, Wohnung und Stadtviertel auf einmal verdammend.
„Mir gefällt's hier, ob du's glaubst oder nicht.“, sagte Herr B. Paul zuckte mit den Schulten. „Bist du fertig?“ fragte die Exfrau, aus der Toilette zurück, Paul. „Fertig sind wir schon lange, nur die Haare und Nägel wachsen noch kontinuierlich!“ schoß Herr B. dazwischen. "Humor muß sein, oder, den laß ich mir von dir nicht austreiben.“
„Na, denn tschüß!“ An der Schwelle standen fünf Kreaturen und eine davon wedelte mit dem Schwanz. Als der Besuch fort war, fing Gabi an, zu heulen.

Eine Woche später fand sich Herr B. seltsamerweise in einer Buchhandlung wieder. Er wußte nicht mehr so genau, wieso er den Laden betreten hatte. In seiner Hand hielt er ein Foto. Darauf, war er, wie er an seinem Schreibtisch saß, dem alten Schreibtisch in der Villa.
Hinter ihm eine Wand aus Büchern. Und auch er schaute aus einem Buch heraus auf, fragend in die Kamera.

10.3.09 18:09
 



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