Froschtuempel
                Froschtuempel - "Trübe Brühe, schmeckt aber!"
Schönes Utopien - Die Scheu - Das Wollen

Ich als nüchterner, kopfgesteuerter Analyst stehe bisweilen zausschopfen und ratlos vor der Fülle um mich.  Ein kafkaesker Versuch zum Verständnis:

An einem Bootssteg am Fluss halte ich an, knie nieder und tauche einen Finger in den Strom. Das Wasser weicht meinem Finger, umfliesst ihn. Die Trennung ist schmerzlich, ich werde traurig. Warum berührt das Wasser mein Innerstes nicht? Gedanken wandern... Weil keine Öffnung dem Element einlass gewährt?
Von dieser Idee freudeerfüllt schöpfe ich beide Hände voll und will schon trinken.
Plötzliches Grauen erfüllt mich. Was, wenn Gift darinnen wäre?
 

..........

Irgendwo gab es da mal ein Filmzitat: Die italienische Oper liebte oder hasste man. Der Protaeckist nimmt seine Damsell in being mit und wells Kitsch ist, kommt sie völlig verheult raus. Ob es ihr nicht gefallen hat?

Ich war noch nie in einer Oper. Ob Oper  mir gefällt, möchte ich bei so einer heiken Frase erst in zwanzig Markscheinen entscheiden. Bis dahin besuche ich populente Wettmahre, mit leicht gleitenden Maiden unter Seide.
Dort gibt es Korallen, die mächtigsten Stämme der Welt, und Bretter. Manchmal quiekt ein Schwein oder ein Pavian. Sie machen es. Der Pavian wird ganz rot hintenrum. Ich schweife ab. Funky tinsel.
Der Fernseher bringt es ja nicht rüber. Man muss dabei sein. Und dann sitzt man da, mit einer Tüte Eingemachtem, ist zutiefst erschüttert von soviel Makeup und kann es nicht glauben: Die Fürstin ist tot. Das kann doch nicht gut sein. So gothic ist das. Da zähle ich noch Daumen (tau-frisch-sass-die-Frau-zu-Tisch) bis ich Dust bin, Stardust (grau). Dann packt sie mich, die mitleidige halbmondwangige Moira mit ihren dicken Zöpfen, in gelbe Würfel mit selbstklebenden Fohlen, Etikett: Spätlese, leicht verdorben (schon immer). Schnittersichtig ist es zur Freude gediehen, say it again, pain! Eis schüttelt und rührt mich . Ich will die Fürstin wieder sterben sehen. Völlig verheult gehe ich nach Hause. Ob es mir nicht gefallen hat?

............

"Immer wieder mal mache ich mir Gedanken darüber, wie das, was man niederschreibt von Tag und Laune abhängt. Das ist der Fingerabdruck, den jeder Eintrag, jede Geschichte hat und, vielleicht letztendlich das, was eine Sache wirklich interessant macht. Ab und an drängt es einen, Wörter aus der Luft zu kondensieren, den Staub, den Niederschlag zwischen den Fingern zu spüren, das Greifen wollen für den gleitenden Blick anzuziehen, dass er baden geht, schmatzt, sich beschmiert und Spielzeuge baut aus dem feinen süssen Brei, den schroffen Steinen und dürren Stöcken, den bitteren Pillen, den gestreiften Morgenmänteln und den glänzenden Kastanien, frisch aus der Schale."

Diesem schamlosen Selbstzitat folgt das protzige Vakuum, dass jeder billige Tastenklepper kennt, er hat eine grosse Ahnung, ein Gefühl, aber das Fassenlernen endet in schlechten Kopien, es tut weh, er schreit, er wird alt. Verzweifelt klammert er sich an die paar Blätter, entblösst sie unterm Mantel wie ein Exhibitionist, das Desinteresse wiehert und schüttelt den Kopf: schon wieder so einer. Der Klepper spannt die Texte auf Rahmen, die Leinwänder reissen und reparieren sollen es Glitzersteine, die die Kittmasse verblenden. Er weiss, er will es besser, Texte sind keine Abgüsse, sondern filigrane Uhrwerke. Es gibt auch diese billigen Uhrwerke aus Plastik für Kinder. Die funktionieren auch. Man kann sie ganz leicht zusammenschrauben. Aber es muss ja unbedingt eine Seamaster sein. Noch vor der Zeit, vor der Zeit. ..... Als Kind habe ich einen Selbstversuch gestartet, der mir ein für alle Mal zeigen sollte, ob es Magie gibt oder nicht. Ich stellte ein Glas Wasser auf den Tisch, setzte mich hin und starrte es finster und eindringlich an. "FALL UM!", zischte ich. Als das nicht funktionierte, musste ich mit dem Fuss leider nachhelfen.
5.3.08 16:32


Am Tor der Wunder

Man soll am Anfang dieser Geschichte eine Weile der Forsthäuser dieser Welt gedenken.
Nicht allzu langes Gedenken, sonst wird der Leser das Buch weglegen und dem Samstagabendunterhaltungsprogamm im Fernsehen gedenken. 


Also ein kurzer Gruss an die stillen Försterhäuser der Welt. Heimat der Wächter der Wälder und Wiegenhüter der winzigen Urenkel alterwürdiger Tannen, Buchen und Eichen und was nicht noch alles. Da wären die eufeuumrankten Mauern, die die geheimnisvollen Laute des Waldes neidisch seufzend  in sich aufnehmen wie ein Rentnerverein neumodische Tanzmusik. Viel besser gefällt ihnen das Schweigen der jahrhundertealten Stämme, dass sie nicht in sich aufnehmen müssen und die nur Moos ansetzen, wie ein Bauarbeiter den Bierbauch.
 
Auf einer kleinen Insel der Ostsee liegt ein Haus, ganz grau und windschief vor Altersschwäche, die Wände voller Risse. Vor ihm dehnt sich der fast die ganze Insel umhüllende Wald aus, mit siener Rückseite schaut es zur See, von ihr getrennt nur durch eine weidenbestandene Wiesenfläche, welche steil zum hellen Strand hin abfällt.

Hier lebte einst ein kleines Mädchen, Else, die Traumelse genannt, wegen ihrer stillen, in sich gekehrten Sinnesart. Wie das eben manchmal so ist, hatte sie zwei herrlich bekloppte Eltenteile, die viel weniger gescheit waren als Else, aber dafür grob und laut. Der Vater war ein mürrischer Einzelgänger, im Sinn nur Jagd und Holz, während die Försterinmutter unter der Stille und Abgeschlossenheit des Waldes litt. Das karge Gehalt tat ein übriges zu beider Unfrohmut und wie es dann so kommt, mit der Zeit, waren sie mit aller Welt zerfallen. Tja, das Kind war natürlich das einzige, an dem die Mutter ihren Ärger auslassen konnte während der Vater Else mied und nur dann mit ihr sprach oder besser zankte, wenn sie für die Mutter doch mal zu bockig war. Für jede junge Baumpflanze hatte er jedenfalls mehr Aufmerksamkeit und Geduld. Elselein wiederum hatte nichts als ihr gutes Herz.

Sie war in der Tat ein wenig langsam, so sehr sie sich auch bemühte, sorgsam und fleissig zu sein. Ausserdem hatte sie zwei linke Hände und mochte die Schule nicht. Sie lief gern ohne Probleme täglich stundenweit bei Wind und Wetter, Schnee Regen und Kälte ins nächste Dorf zum Schulhaus, aber Lesen, Schreiben und namentlich Rechnen gingen ihr gehörig auf den Zeiger. Ein ganzes Kornfeld allein mähen oder den dichten Garten umpflanzen? Ein Klacks gegen das Lernen!

Um so mehr Zeit sie in ihrer misslichen Lage verbrachte, desto trauriger und hoffnungsloser wurde sie. Mehr Tränen rannen auf dem Schulweg über ihre bleichen Wangen, als Regentropfen über ihr Köpfchen. Ganz klar, so sagte sie sich, war sie selbst schuld an allem, ungeschickt und schliesslich redete sie sich sogar ein, sie sei gar kein wirklicher Mensch, sondern ein verzaubertes Wesen, das erlöst werden müsste.
Tassen und Teller liess sie fallen, verdarb Speisen, zerriss sich Kleider Schuhe und Strümpfe bis die Mutter meinte: "Jetzt ist aber mal gut. Neue Kleider gibt es nicht mehr, die machst du ja doch nur kaputt!" Und so oft wurde sie für Missgeschicke bestraft und verspottet , dass sie furchtsam wurde und auch Weggenossen und Gespielinnen mied. Dabei hätte sie doch so gern ihr kleines goldenes Herz an den ersten freundlichen Menschen verschenkt.

Nun wandelte sie oft einsam durch Flur und Feld, notwendigerweise in Lumpen. Es war etwas in der Stille des Waldes, das ihr verwandt schien und sie bildete sich ein, Bäume und Blumen, die Geschöpfe des  Waldes und die Tiere des Hofes seien die einzigen Wesen, welche sie verstünden und sich in ihrer Art Mühe gaben, ihr Trost zu spenden. Sie glaubte, das die Rosen blasser würden, wenn sie ihnen tief in die Kelche schaute und das die Laubzweige sich senkten, um sie zu berühren, wenn sie ihre Ärmchen hilfeflehend emporstreckte. Es fiel ihr auf, das die Tauben geflattert kamen und die Hühner das Gackern liessen, wenn sie weinte. Boje, der Jagdhund, war gern mit ihr zusammen und wenn sie traurig war, schaute er ihr unverwandt ins Gesicht und reichte ihr die Pfote. Dann waren da noch der Schimmel Horst und die Kühe Lisa und Trude, die sie im Stall versorgte und, was die Kühe anging auch melkte. Die Wiederkäuer und das Pferd hatten sanfte Augen, die auf Else beruhigend wirkten.

Im Wald wohnte auch noch eine schrumpelige, wackelnde Köhlersfrau, die im Verdacht eines Bundes mit bösen Geistern stand und, wie man sagte, der Voraussicht aller Begebnisse kundig war. Else aber konnte sie gut leiden und nur zu gern hätte sie ein vernünftiges Wort mit ihr gesprochen, allein kam nur wirres Zeug aus den Mund der Frau:  "Ah, da kommt ja des Wegs unser süsses kleines Prinzesschen Sonnenblick! Schönen Tag euer Gnaden! Vergesst nur nicht die alte Frau Möller in Glanz und Glück!" Völlig plemplem eben, die Gute.  Und so hatte die Else doch ab und an ihren kleinen Spass und mauerblümte vor sich hin, bis zu dem Tag, der ihr zusammengekauertes Leben gehörig durcheinanderwirbelte.

6.3.08 14:22





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